neue [bewusstseins-] form: freisein

das werk Neue Form © P. Hauf 2007-2017

ersetzung und übertragung

Nichts ist lukrativer, als in einer Zeit, in der der Staat längst von der Wirtschaft aufgekauft ist, für die Wirtschaft die Illusion eines beseelten Staates aufrecht zu erhalten.

Die emblematische Trikolore des deutschen Staates, die Fahne SchwarzRotGold, scheint sich aufgrund ihrer Machart, genauer gesagt wegen des Einschubes des "michaelisierten" Rot an den Ort der "Seele" der Trikolore, in den "Körper" des Emblems, in herausragender Weise dazu zu eignen, eine solche "Rück-Übertragung" damit (— oder "noch besser": eben gleich mit der innovativen, sportiven, zukunftsträchtigen und über einen blutigen Raub annektierten Neuen Form —) zu inszenieren.

Wie in den Stanzen (Agamben 1, S. 235) festgehalten, findet nämlich im Emblem an der Stelle ihrer "Seele" (hier also dem Rot) eine Ersetzung und eine Übertragung statt — nicht "einzig ein Spiel der Negation und der Differenz, das sich nicht auf den Austausch zwischem Eigentlichem und Uneigentlichem reduzieren lässt" .

Auf dem Gebiet der Zeichen gibt es kein dichteres, wirkmächtigeres, als die so simpel erscheinende "Trikolore". Sie kombiniert im Falle der deutschen Fahne zwei — jeweils für sich extrem komplexe — Formen, indem sie als Emblem (1) das Dispositiv der Ausnahme (2) aufmacht.

Als erste Trikolore gilt die republikanische, 1579 unter der Führung des Prinzen Wilhelm von Oranien-Nassau im Freiheitskampf gegen Spanien eingesetzte Flagge in den Farben Orange-Weiss-Blau.

"Zwischen der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts und der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts", schreibt Agamben (Agamben 1, S. 222), "in der Zeitspanne also, in der sich das wissenschaftliche Weltbild der Neuzeit heranbildete, war die europäische Kultur vom Thema des Inkongruenten so durchdrungen, dass dieses ganze Zeitalter ... 'emblematisches Zeitalter' genannt werden könnte."

Dieses Inkongruente ist, kurz gesagt, das Uneigentliche (gegenüber dem Eigentlichen); es spricht in symbolisch-emblematischen Zungen, der "Obsession der Renaissance und des Barock als auch der exaltierten Allegorese des Mittelalters" (Ebd., S. 221), und bevorzugt entschieden (und theologisch gerechtfertigt) die "unähnlichen Bilder" gegenüber den "ähnlichen", da sie "unseren ... Geist nicht ruhen (lassen und ihn) von der Ding- und Körperwelt fortreissen" (Hugo von St. Victor, zitiert bei Agamben, a.a.O., S. 222). "Gerade die Unangemessenheit in Bezug auf seinen mystischen Gegenstand verleiht dem inkongruenten Symbol das, was man eine paradoxe "Kongruenz durch Verschiedenheit" nennen könnte, bemerkt Agamben (Ebd.).

 

das inkongruenzsymbol Michael

Das allegorische Inkongruenzsymbol Michael — "Rot in all seinen Schattierungen", "dessen Name lautet: Wer ist wie Gott?" — lebt demgemäß also gerade von seiner Nichtübereinstimmung ... mit dem Eigentlichen, worin auch immer dieses bestehen mag.

Da es sich dabei um das vermittelte Eigentliche Gottes handeln soll, entspricht dieses komplizierte Umgehen einer konkreten Antwort auf die eigentliche Frage eben genau der Strategie jenes inkongruenten Zeitalters.

Das Rot als Michael, und Michael als Rot, das Motto an der Stelle der Seele des Körpers des Emblems, der imprese des Symbol-Bildes, entspricht diesem Modell der Wahrheit in dem Emblem Schwarz-rot-gold vollkommen. (Das Entziffern dieses historischen Indexes, seine Erkenntnis unter dem völlig anderen Prinzip des Jetzt der Lesbarkeit und seine dementsprechende Übersetzung in die Gegenwart — mit den jedwede symbolhafte Projektionen zurückweisenden Mitteln des Konkreten sowie dem Anspruch des Affirmationismus — erst wird diese gewaltige Überkommenheit überwinden können, und damit auch erstmals der Deutschland heute, in jeder Hinsicht verstärkt seit der "Wende", in ihrer tatsächlich vollkommen impotenten (also abwesenden, dennoch implementierten und nichtdestoweniger aufgedrückten) Gestaltungskraft mit einer Restauration exakt jener "barocken" Nicht-Inhalte sondersgleichen überziehenden Politik Schach bieten.

Mit welcher Feigheit diesem Angebot aus dem Weg zu gehen bzw. darüber hinaus (und in Wirklichkeit von Anfang an) sogar versucht wird, die Schach bietende Figur zu annektieren und das Schindludertreiben mit der Öffentlichkeit noch extremer, ja, total extrem, zu gestalten, sagt alles, aber auch wirklich alles über die heute tatsächlich sämtliche politischen Lager beherrschende Idiotie aus.

Die Konstruktion Schwarz-rot-gold — eine mehr als schwierige Geburt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts — ist auch seinerzeit nicht in diesem Sinn als ein Emblem präsentiert worden als "das deutsche Emblem", sondern als "die deutsche Trikolore", als das zugleich dispositive Paradigma und das paradigmatische Dispositiv der Rechtsordnung (was gleichzeitig auch deren Anwendungsnorm betrifft) des 1848 gerade erstmals zu verfassenden Nationalstaates — und darf von daher als Gewaltakt gegen die Zeit gelesen werden, da "die emblematische Form, die" an sich "jeden Signifikanten seinem eigenen Signifikat entfremdet, bereits mit dem Niedergang der barocken Allegorese unheimlich zu werden" (Ebd., S. 226) begonnen hatte, und die Trikolore Schwarz-rot-gold dennoch auf dem Verschieben "seines" Rot in den visuell dadurch als erfüllt dargestellten, in Wirklichkeit jedoch von jener Leere der (in ihrem Geheimnis nicht erkannten) Anomie gekennzeichneten "Vakuum-Speicher" des Dispositivs der deutschen Rechtsordnung beharrt (— der somit staatskirchlich definiert und, siehe oben, seinem eigenen Signifikat entfremdet ist in diesen allegorischen Farben —).

Das Rot wird dabei in die zentrale "Leerstelle" des Dispositivs der Ausnahme, das die Trikolore an sich darstellt, verdrängt, und auch das, was dabei in jedem Fall ein nicht Anzueignendes gewesen hätte sein sollen, in Wirklichkeit sich selbst entfremdet.

Vgl.: Den Gebrauch des Rechts nach einer Deaktivierung des Dispositivs, das es — im Ausnahmezustand — an das Leben band (Agamben 7, S. 104).

Vgl.: Eine der Ein-falt [sic] einer unsichtbaren Harmonie zurückerstattete Präsenz, die sich in der Neuen Form präsentiert, und die darin wiedergewonnene mögliche Gemeinschaft von Denken und Dichten (M. Heidegger) (Agamben 1, S. 248).