
- [M] Text (Agamben) auf Schwarz/Rot/Gold
die maske der falschheit
Der Fall ist noch etwas komplexer, als man anhand der rechts beschriebenen Fakten ohnehin denken möchte. Hinzu kommt nämlich noch, dass sich die Welt im allgemeinen - so in der Regel auch in Deutschland - lieber betrügen lässt, als aufgeklärt zu werden.
Eine Maske der Falschheit zu sehen, von der sie nur glaubt, dass mit ihr für die eigenen Interessen gearbeitet wird, ist ihr offenbar tausendmal lieber, als einzusehen, dass es sich um den "unsichtbaren Souverän" handelt, "der uns anblickt hinter den stumpfsinnigen Masken der Mächtigen, die uns, ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht, in seinem Namen regieren." (Zitat: Giorgio Agamben 1, S. 17)
Hier wird deutlich, wie groß der Stellenwert der Glaubwürdigkeit - und folglich die Notwendigkeit, die Welt gerade in dieser Hinsicht zu beschuppen - bei all jenen ist, die vom status quo auf Kosten der Allgemeinheit profitieren.
Um was oder wen es sich bei solch einem unsichtbaren Souverän namentlich in Deutschland genau handelt, soll die hier präsentierte Arbeit genau benennen.
doppelseitige einheit als die höchste geste der philosophie
"Vielleicht ist dies die höchste Geste der Philosophie: nicht so sehr DIE Immanenzebene denken, sondern zeigen, dass sie da ist, ungedacht in jeder Ebene. Sie auf eine Weise denken, als das Aussen und Innen des Denkens, das nicht-äussere Aussen oder nicht-innere Innen" (Deleuze/Guattari, S. 69)
briefing | entsatz des rot in schwarz-rot-gold
Die deutsche Fahne Schwarz-rot-gold in ihrer heutigen Form hat einiges zu bieten:
• Zunächst vom Medium der Fahne selbst her betrachtet stellt sie eine doppelseitige Einheit dar (bzw. her), eine Gestalt, in der sich auch das linguistische Phänomen als Ganzes wiederspiegelt, wie es innerhalb der abendländischen Tradition der Metaphysik aufgefasst wird; dort kennt man diese als "die doppelte 'signifiance' (Saussure) der Sprache" (welche wiederum E. Beneviste — worauf Agamben 1, S. 292 hinweist — "'semiotische Weise' und 'semantische Weise' nennt, deren eine "erkannt" und die andere "begriffen" werden muss, und zwischen denen es keinen Übergang gibt"). Auch eine Fahne weist also, wie die sprichwörtliche Medaille, "zwei Seiten" auf. (Eine Beobachtung, die sich hinsichtlich des Verständnisses der Rollenverteilung, die der Gebrauch bzw. der Umgang mit einer Fahne mit sich bringt, noch als wertvoll erweisen wird.)
• Als ein aus den Farben der tausendjährigen deutschen Theokratie zusammengesetztes, metaphorisches und romantisches Emblem mit einer von mittelalterlichen Allegorien (in erster Linie ist hier der 'Patron' des 'Heiligen römischen Reiches deutscher Nation' und 'Erzengel' Michael zu nennen) und den entsprechenden (im Falle dieser Michael-Allegorie: metarechtlichen) Mythologemen bestimmten imprese,
• wird sie dann mit der ersten Inauguration als deutsche Trikolore das fertige Dispositiv (der staatsrechtlichen Figur des — deutschen — Ausnahmezustands, bzw. des souveränen Bannes, der nach den Untersuchungen Giorgio Agambens anstelle des Hobbesches Mythologems des Vertrages in Wirklichkeit die originäre juridisch-politische Beziehung im Staat ausmacht) des deutschen Nationalstaats in verschiedenen Stadien (1848, 1919, 1949 und 1991),
das es noch heute ist, und sie muss daher als ein erstarrtes Hoheitszeichen, als ein fossiles Dispositiv gelten, dem von Anfang an jeder offene und freie Geist nicht nur zu weichen hat: gerade ein solcher, gerade der deutsche Gedanke selbst wird, wie noch im Detail darzustellen ist, von ihr, von der deutschen Staatsidee — und sicher auch von ihren gelehrigen Untertanen und Dienern — aufgrund ihrer archaischen Maßgabe (die als solche, wie man nicht erst seit heute weiß, in Wahrheit gar keine ist, der jedoch nur allzu gerne aufgrund der romantischen Gesamtanlage dieser Fahne stattgegeben wird, wenn gerade, wie wohl ein gewisser Herr Badiou sagen würde, keine 'bessere' unendliche Idee herabsteigt in den Bereich des Sinnlichen) gefressen.
Sie stellt, wie zu zeigen sein wird, eine Selbstverschlingung der Regel dar, indem sie durch das Ineinanderfallen zweier vordem getrennter Elemente (die zum einen die Norm oder die Regel verkörpert hatten, wie zum anderen die Ausnahme) eine Zone der Unentscheidbarkeit eröffnet, deren Beherrschung, wie Agamben anhand des von ihm wiederentdeckten Geheimdossiers zwischen Walter Benjamin und Carl Schmitt nachgewiesen hat, tatsächlcih nur durch das Erfinden bzw. das Aufrechterhalten einer fictio iuris zu bewerkstelligen ist — bei der also jede Fiktion eines Bandes zwischen Gewalt und Recht verschwunden ist.
Es stellt sich also durchaus die Frage, ob dies den Zeiten, in denen diese "Farben", wie man Fahnen allgemein auch gern nennt, in Gebrauch waren, jemals wirklich entsprochen hätte, oder ob nicht umgekehrt sie diese Zeiten jeweils mit ihrer fiktiven — nichtsdestotrotz vermittels dieses deutschen Dispositivs aufgepressten — Patronage eines Erzengel Michael mit ihrer Maßlosigkeit und Verdrehung autoritär im Stil der alten, eigentlich längst überkommenen Theokratie weiter geprägt haben.
Es kann jedenfalls heute — allein schon aufgrund des stattgefundenen und sicher auch weiter stattfindenden europäischen Entwicklungsprozesses — nicht mehr darum gehen, die alten Differenzen zum Rest der Welt mutwillig zu erneuern, oder die Synapsen vor Ort kurzzuschließen, wie es gewesen sein muss, als diese deutsche Fahne einst (übrigens — durchaus bezeichnenderweise — gegen die Regeln der Heraldik) zusammengefügt worden war.
Und es kann auch nicht angehen, dass die stets gewalttätigen, immer auf infame Demagogie (sowie automatisch ein Heer von Helfern in den Amtsstuben und Straßen) angewiesenen Anhänger jener alten, mehr schlecht als recht von "christlicher" Geistlichkeit dominierten germanisch-christlichen Kaiser-Archaik nach einer langen Phase des Verbergens und Abwartens heute erneut aus ihrem Versteck hinter den stumpfsinnigen Masken der Mächtigen (Vgl.: Zitat G. Agamben auf der Fahne, links) hervorbrechen, wie dies eine enorm mächtige gesellschaftliche Elite in einer Bewegung der Restauration seit dem letzten Krieg des "3. Reichs" fortplant und ungerührt weiter betreibt: Da, wie sich zeigt, das Rot im Dispositiv der deutschen Trikolore sowohl die Position der Ausnahme innehat als auch von der ekklesiastischen (Staats- und/oder Reichs-)Doktrin her als Ausnahme, nämlich als "die Farbe Michaels" (s. u.) gehandelt wird, ist über das klandestine, kryptische Besetzen dieser Farbe bzw. dem eifersüchtigen (Zurück-)Erobern jener nur scheinbar vom normalen Menschenverstand her als überkommen erachteten, in Wirklichkeit jedoch seit dem Zusammenbruch des Ostblocks und der Wende wieder auf das Eifersüchtigste (und, wie sich anhand der nicht zuletzt anhand dieses Briefings im Sinnlichen entstandenen Neuschöpfung zeigen wird, auf das Gewalttätigste) einen unbedingten Monopolstatus erheischenden Deutungshoheit vonseiten einer brandaktuellen, brandgefährlichen, so "rückwärts" wie eh und je gewandten, überaus mächtigen, ganz allgemeinen Gegenreformation (die, unter vielen anderen, dann auch wieder sowohl Katholiken als Protestanten dahinrafft) sehr viel möglich in Deutschland. — Namentlich, wie es ja schon einmal der Fall war, ein flugs und unter dem Applaus der von ihr Verführten wie auch der Verführer errichtetes, offen autoritäres Regime.
Das deutsche Hoheitszeichen Schwarz-Rot-Gold ist als das semiologisch/semantische Leitmotiv, als das spezifische Dispositiv des Landes das unweigerliche Gesinnungs-Sprungbrett zu derlei Ausgang, schon immer gewesen.
Kann mit den — dabei sicherlich revolutionierten — Farben dieser deutschen Fahne eine Entsetzung des Rechts aus den Fängen der Gewalt, eine Ausnahme der Ausnahme, ein Ereignis im Offenen der Präsenz, eine immanente Ausnahme dargestellt werden, um über eine solch zeitgemäße Übersetzung in einem allgemeinen Jetzt der Lesbar- oder Erkennbarkeit zu einem neuen, anderen, nicht-diktatorischen, nicht-ekklesiastischen, nicht-dogmatischen, nicht-staatlichen, zu einem kommenden historischen Index zu gelangen?
In einer Notiz Benjamins steht: "Nicht so ist es, dass das Vergangene sein Licht auf das Gegenwärtige oder das Gegenwärtige sein Licht auf das Vergangene wirft, sondern Bild ist dasjenige, worin das Gewesene mit dem Jetzt blitzhaft zu einer Konstellation zusammentritt. Mit anderen Worten: Bild ist die Dialektik im Stillstand. Denn während die Beziehung der Gegenwart zur Vergangenheit eine rein zeitliche ist, ist die des Gewesnen zum Jetzt eine dialektische: nicht zeitlicher, sondern bildlicher Natur. Nur dialektische Bilder sind echt geschichtliche, d.h. nicht archaische Bilder." (zitiert nach Agamben 4, S. 162)
Die Aufgabe, die sich also hier hinsichtlich der Bildmittel stellt, liegt im Auffinden einer grafischen Sprache, die geeignet ist, den scheinbar paradoxalen Widerspruch aufzunehmen und in seiner Realisierung oder Erfüllung auszudrücken, den die Spannung in der Formel Dialektik im Stillstand im Gegensatz zur inneren Dynamik des Begriffs der Dialektik als solchem darzustellen scheint: Eine grafische Sprache, die die Darstellung einer immanenten Ausnahme erlaubt.
Hier ist die Lösung zu finden, und sie wird auf wunderbare Weise vom Denker des Affirmationismus, Alain Badiou, selbst so formuliert: Die dialektische Idee ist die einer immanenten Ausnahme (Ders. 1, S. 44).
• Das in der kompress zu einem Dispositiv der Ausnahme gesetzten deutschen Fahne über den ekklesiastisch-dogmatischen Anspruch als "exklusiv deutsch" denotierte — und damit auch weiter, wie dies bereits im mittelalterlichen Reich mit dem separat vom schwarz-gelben, kaiserlichen Reichspanier existierenden roten Blutbanner der Fall gewesen war, ausgenommene und autoritär beanspruchte, in den nationalstaatlich-souveränen Dreifarb geschlagene — Rot, die unsichtbare, da politisierte, von der Politik in Beschlag genommene und restlos aufgesogene Artikulation des nackten¹, wirklichen², bloßen³ (¹Giorgio Agamben; ²Carl Schmitt; ³Walter Benjamin) Lebens in der Hand des Patrons des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation und Deutschlands, Michael ("dessen Farbe Rot ist in all seinen Schattierungen", wie es in der ekklesiastisch-christlichen Dogmatik heisst),
• muss in die mögliche Gemeinschaft von Denken und Dichten,
•in eine Lebens-Form der Potenz entsetzt werden, um es aus jener vielfachen, jeweilig jedoch immer fatalen Denotation herauszunehmen
•und es dem Konnotativen des Offenen zurückzuerstatten:
• Darin lässt sich die Evolution und — mit den Worten Jean-Luc Nancy's die Laïzität — neu erfinden: Nur durch echtes Schöpfen, d. h . durch ein sich-aufs-Siel-setzen im Offenen, durch ein Schöpfen der Idee, um es mit Badiou zu sagen, im Sinnlichen (anstelle der sinnlichen Form einer vorgeordneten Idee).
• Es muss, mit anderen Worten, das Bild des wirklichen Ausnahmezustands (W. Benjamin, Geschichtsphilosophische Thesen, Nr. 8) geschaffen werden, das dieses Schöpfen von nicht-vorgeordneten Ideen im Sinnlichen darstellt.
• Durch ihre quasi als master visual des souveränen Banns gruppierte Anlage — die das Dispositiv des 'Ausnahmezustands' in seiner Reinform visualisiert — eignet sich die deutsche Fahne beispielhaft, die darin zugleich aufgehobene (in beiderlei Bedeutungen dieses die Dialektik begründenden Wortes) und ausgenommene (ebenfalls in beiderlei möglichen Wortbedeutungen) Beziehung und Verdinglichung des Lebensbegriffs durch eine Überwindung ihrer eigenen Bildmittel einer prozessualen Anschauung, der Darstellung einer höheren Ordnung zuzuführen, in der sowohl jener souveräne Bann als auch das — folglich — permanent von einer verselbständigten Exekutive im Dienste des Mythos annektierte staatliche Band in einer sinnfälligen Entsetzung gelöst sind:
• Das entstehende Motiv soll das Bild des 'Ausnahmezustandes' (der zur Regel geworden ist) aufheben und somit die Ausnahme der Ausnahme ausdrücken (Vgl. auch: Aufhebung der Aufhebung bei Agamben), den "wirklichen Ausnahmezustand" (Benjamin) darstellen: Die immanente Ausnahme als Bild.
• Dass diese (visuelle) Deaktivierung des (semiologischen) Dispositivs des 'Ausnahmezustands' das Bild des "wirklichen Ausnahmezustands" (Benjamin), oder, dann mit den Worten des Apostels Paulus, das Bild des Gesetzes des Glaubens bzw. einer Gerechtigkeit ohne Gesetz ist, besagt nicht, dass dies "die Negation, sondern die Realisierung und Erfüllung — das plérõma — des Gesetzes" (Agamben 4, S. 121) ist ... welches somit in Deutschland unter der alten Fahne Schwarz-rot-gold — die im Interesse des souveränen Banns derlei unterschlägt und es eben so konsequent wie resolut diesem Bann zu unterwerfen trachtet, es mithin ausschließt und zugleich gefangen hält — folglich als das höchste und absoluteste, als das strengste Tabu gelten muss, das, überdies, nur der Papst in Rom allein zu garantieren vermag und ... garantiert.
(Das 1933 von Pius XII. mit Hitler geschlossene Reichskonkordat wird gewiss nicht umsonst als ein noch heute gültiger Vertrag betrachtet.)