dispositiv und maschine
Das in das Dispositiv einer Trikolore gesetzte Schwarz-rot-gold schließt den Widerspruch in sich ein, den es selbst aufmacht; es schließt sich durch das Zusammenfallen von der historisch in Deutschland als normative Kraft oder potestas verstandenen Regel (Schwarz/Gold) und der im selben Kontext als die separate, ausgenommene auctoritas (Rot) am Ort der Ausnahme in jenem Dispositiv selbst kurz. In erster Linie dadurch (es gäbe hier noch weiteres zu berichten) ist sie schon immer (1848-1849, 1919-1933, 1949-1991) das Zeichen einer Phase des Übergangs zu einer Diktatur.

trikolore (i)

- [i] Künstliche Existenz: Fiktion anstelle von (Da-) Sein
ausspielend ins offene gesetzt (die trikolore)
"Das Offene, in das jedes Seiende (...) befreit ist, das Offene ist das Sein selbst" (Heidegger, S. 224)
Die Trikolore bildet das Dispositiv des "Ausnahmezustands" nach, bzw. dessen Herrschaftsraum ab: eine Zone der Unentscheidbarkeit hinsichtlich einer geltenden Regel erlangt klandestin Geltung, ein politischer Belagerungszustand, der, indem er "vorgibt, gesetzlich geregelt zu sein mit dem Ziel, in irgendeiner Weise die individuellen Rechte und Freiheiten zu schützen" (vgl.: Agamben 7, S. 71), bloß sein Territorium (und dessen als Geiseln genommene Bewohner) gegen just jenes Offene ausspielt (was dabei zum Geschäft der Juristen wird):
trikolore i (a)

- [i(a)] Ausschließen und Einfangen
trikolore i (b)

- [i(b)] Einschließung und Ausschließen
trikolore i (c)

- [i(c)] Ausschließung des Innen
trikolore i (d)

- [i(d)] Einschließung des Aussen (Vgl. Agamben 6)
was geschah 1848? der dreifarb schwarz-rot-gold
Der Dreifarb (oder die Trikolore) Schwarz-rot-gold
Eine Trikolore besitzt in ihren drei Streifen (ob waagrecht oder senkrecht spielt dabei keine Rolle) eine Zwickmühlenform und kreiert, unabhängig von den eingesetzten Farben, mit ihrer "Mitte" (dem mittleren Streifen) eine Ausnahme, von der die (Ordnungs-)Regel, die sie als ein Dispositiv darstellt, lebt — und die diese Regel im selben Augenblick durch just dieses Zusammenfallen mit ihrer eigenen Ausnahme kurzschließt: Regel und Ausnahme können sich hier gegenseitig verschlingen — dennoch, indem das Recht als solches scheinbar pardoxerweise eine Beziehung zum rechtsfreien Raum nicht nur notwendigerweise pflegt, sondern "dieses Undenkbare" sogar für die Rechtsordnungen des Okzidents, wie Agamben herausgearbeitet hat, an sich "von entscheidender strategischer Bedeutung (ist)" (Agamben 7, S. 62f), besteht hier ein ungemein komplexes, instabiles und den jeweiligen Interpretationen politischer Gruppen überlassenes Feld — das substanzielle Innere des Politischen als solches wird hier definiert, die Trikolore ist das paradigmatische und propagandistische Dispositiv des souveränen Staates als solchem schlechthin (und insofern werfen die Untersuchungen Agambens zum Ausnahmezustand, zur originär juridisch-politischen Beziehung des Banns als dem Band zwischen Souverän und 'nacktem Leben' etc. den tiefsten Blick in das Nähkästchen des Staates).
Die Trikolorenform tauchte ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts auf: Als erste Trikolore gilt die republikanische, 1579 unter der Führung des Prinzen Wilhelm von Oranien-Nassau im Freiheitskampf gegen Spanien eingesetzte Flagge in den Farben Orange-weiss-blau. Der Dreifarb war also in der Zeitspanne entstanden, in der sich das wissenschaftliche Weltbild der Neuzeit heranbildete. Die berühmteste Trikolore ist zweifellos die der französischen Revolution von 1789. Mehr als 200 Jahre waren seit der holländischen Innovation vergangen. Deutschland, dessen 'Hl. römisches Reich deutscher Nation' 1806 offiziell erloschen war, das sich aber noch in den heftigsten Nachwehen dieser Entwicklung befand, begann nun ebenfalls mit der Designierung eigener dreifarbiger Fahnen.
Durch das 1848 vorgenommene bzw. zu diesem Zeitpunkt zum ersten mal 'offiziell' werdende Einrücken des mittelalterlichen, "ausgenommenen" Rot (das noch weit bis in die beginnende Neuzeit hinein separat, doch wie schon immer üblich, nur im Zusammenhang mit den beiden anderen Reichsfarben, dem Schwarz/Gold des kaiserlichen Paniers, der normativen Komponente der potestas, als davon unterschiedener Ausdruck bzw. Signal der auctoritas existierende Rot) in der damals relativ neuen, von der in der Paulskirche zusammentretenden, ersten verfassungsgebenden Versammlung Deutschlands zum Zwecke der Kennzeichnung "ihrer" — katholisch-dogmatisch dominierten bzw. unterworfenen — Bewegung inaugurierten deutschen Trikolore ist an sich die Geste der Paulskirche im selben Moment triumphal verfälscht worden (und der Triumph sollte anhalten, auch als dieses kaum inaugurierte Banner 1850 schon wieder — bis 1919 — die Segel zu streichen hatte):
Indem sie in Gestalt der Fahne Schwarz/ Rot/ Gold artikuliert werden sollte, wurde diese aus vielerlei, durch die während des vorausgegangenen halben Jahrhunderts stattgefundenen Kämpfe gegen die Repräsentanten der zwar offiziell erloschenen, aber darum faktisch nur umso unterdrückerischeren und virulenteren Alten Ordnung in ihrem Hauptgewicht doch zu "den Wegen ohne Dogma, einem freien Humanismus, einer freien Religiosität, den nicht- oder postchristlichen Strömungen" (Eckhart Pilick) gelangten Strömungen zusammen gekommene Geste paradoxerweise in eine Trikolore gegossen und mit ihr bestückt, in der deren "ausgenommenes" (Mittel-) Element farblich - rot - gekennzeichnet, prä-definiert und damit die 'Ausnahme' der Trikolore potenziert wird: In diesem Schritt findet eine psychologische Ersetzung statt, wie sie Freud für den Fetischisten beschrieben hat; die Wahrnehmung des Fehlens (der Leere/der Leerstelle) wird - nach ihrer Zurückweisung durch die Wahrnehmenden selbst - ersetzt durch die besondere, freilich mythische Besetzung, die das Rot in der auch mit dem Entstehen der Trikolorenform zusammenfallenden "Epoche der Inkongruenz" ("mit Herders Worten 'emblematisches Zeitalter' [Agamben 1, S. 222] - kurz gesagt eine Phase der europäischen Kultur, die von einem "Gegensatz von Eigentlichem und Uneigentlichem" [Ebd., S. 221] geprägt war und die - bis heute - sich gegenseitig abwechselnde Phasen von Epochen des Eigentlichen und solchen des Uneigentlichen in unserer abendländischen Kultur hinterließ [Vgl. Agamben 1, IV.2]) erhalten hatte: Auf der Schiene des die symbolisch-emblematische Form bevorzugenden Uneigentlichen kommt sozusagen ernsthaft (und theologisch gerechtfertigt) die im Hinblick auf eine ausschließlich dogmatisch-christkirchenkompatible Repräsentation des Göttlichen ohnehin vorherrschende Figur zum - nunmehr dem Göttlichen noch ein Stückchen näher gebrachten (oder entrückten, wie man will) - Einsatz: Michael, "Patron des Hl. röm. Reiches deutscher Nation" (und seither Deutschlands), "dessen Farbe das Rot in all seinen Schattierungen" ist, wie die Kirchendogmatik es bestimmt hat. Während hier, sozusagen mit allen Mitteln - die allerdings nur "alle Mittel" der einen, der "uneigentlichen" Art sind, die der "bildlichen oder tropischen oder symbolischen Redeweise" (Thomas von Aquin)[Agamben 1, S. 221n.218] -, ein höchster Mittler der göttlichen Einheit, ein Einheitsrepräsentant beschworen und inauguriert wird, bleibt die Antinomie der "ursprüngliche(n) Zweiheit der metaphysischen Konzeption des Bedeutens [significare] ... der europäischen Kultur" unbewältigt und - unter diesen Voraussetzungen unbewältigbar.
Die Freireligiösen jedenfalls, die die Träger der Emanzipation - namentlich von der Kirchendogmatik - und die ökumenischen Wegbereiter zur Paulskirche gewesen waren, landeten weit abgeschlagen von der Weltbildung und -gestaltung sozusagen auf den hinteren Rängen; die "neue geschichtliche Ära", die von ihnen ausgehen hätte wollen oder sollen, kam nicht. Es wurde nichts aus dem Verlassen des in Dogmen Erstarrten und der alten lebensfeindlichen Ordnung, mit dem "Hinausschreiten über die Grenze auf das Fließende hin zu mehr Lebendigkeit" (Pilick). Bald "endete der Völkerfrühling (...) in Blut und Finsternis." (Ebd.)
- Ob es etwas mit dieser Fahne zu tun hatte, unter der man sich versammelt hatte (und erneut 1919, 1949 und in gewissem Sinne auch 1991 wieder versammelte)? Von einem ökumenischen Geist aus dem Vatikan sieht Deutschland noch heute bekanntlich recht wenig, im Gegenteil, die Restauration rollt - auch der Annexionsversuch des neuen Rot in der Fahne Neue Form durch den erzkonservativen Katholiken und CDU-Mann Zwanziger (DFB) steht in dieser Tradition. Und von daher kann an sich von einem "Geist der Paulskirche" nicht gut die Rede sein - ausser, man verkauft Propaganda. Auf dem Gebiet ist der Gegenstand auch heute noch ein Verkaufsschlager (wie man sich z. B. beim DOSB - und eben auch bei dessen Verwandtem DFB - vollkommen sicher zu sein scheint).
was geschah 2008?
Da in jedem staatlichen Hoheitszeichen, das die das Dispositiv der Ausnahme darstellende Form der Trikolore besitzt, eine nähere Bestimmung bzw. Definition der "unmittelbar auf das Leben (und nicht auf den freien Willen) der Bürger" (Agamben 2, S. 119) bezogenen souveränen Entscheidung (über den Ausnahmezustand) stattfindet (und von daher die Deutungshoheit über die mit ihrem mittleren Element verbundene Farbe von entscheidender Wichtigkeit ist), ist eine solche starre und einseitige Festlegung wie in den deutschen Farben Schwarz-rot-gold von höchstem Interesse — vor allem dann, wenn das Pendel von einer Epoche des Uneigentlichen zu einer Epoche des Eigentlichen schwingt, und das Eigentliche dieses "deutschen" Rots (Vgl.: "Deutsches Rot" 4a), das in der Endphase der vorhergehenden, 'uneigentlichen' Epoche — wie wir es gerade heute in der reconquista dieser Farbe durch die Restauration erleben — noch mit allen Mitteln der Propaganda gepusht wurde, schließlich in der einen oder anderen Art als solches auftaucht.
In diesem Fall der Gestaltung Neue Form wird jedoch nicht nur das Eigentliche dieses Rot erreicht, sondern es wird zusammen mit dessen Uneigentlichem erreicht und — ins Offene entsetzt, in eine Präsenz des Offenen, wird bewusst zu dem gemacht, was es von jeher, weit vor der Besetzung des kompletten Themas durch die Dogmatik der Kirche und damit gewisser konservativer Kreise, eigentlich war, nämlich zu der Farbe, die dem Eigentlichsten des an sich "werklosen", auftragslosen Menschen nahe kommt, seinen Möglichkeiten, seinem Potenzial, seiner Potenz.
Doch nach seinem umgehenden Kidnapping durch die Reaktion ist dieses neue Rot nicht etwa mehr, was wirklich neu gewesen wäre und was niemand erwartet hat, ins Offene, zum Sein befreit, sondern es ist erneut besetzt, okkupiert, annektiert, niedergestempelt, und dadurch wieder unvermeidlich mit dem blinden Ressentiment des rücksichtslos auf "seinem (sehr eigenen) Eigentlichen" Beharrenden aufgeladen, um so sein Uneigentliches diesmal endgültig, was es noch nie geschafft hatte (und auch jetzt, nebenbei bemerkt, trotz dieses bandenmäßigen Andrangs gegen einen Einzelnen nicht schaffen wird), und eben um jeden Preis, an die Wand zu drücken.
Das ist das Spiel, das mit dem zwar in sein Eigentliches (aus dem Uneigentlichen, das es soeben in Schwarz-rot-gold noch bedeutete) entsetzten Rot der Fahnen-Bild-Logik Neue Form aufgeführt werden soll, wenn man betrachtet, wie versucht wird, sie zu erobern, aber es ist so blind und so stur, so zwanghaft und so tödlich wie das Spiel einer Maschine. Es ist, nach allem, eine zwischen modern und alt unentschiedene anthropologische Maschine, die einzig nur ihrer ungeheuren Macht bewusst ist — und ansonsten vorerst einmal ein rigoroser Affenzirkus. Das dicke Ende ist da garantiert vorprogrammiert und wird — um jeden Preis — zu erreichen versucht.
Dadurch allerdings eben, dass die Kidnapper dieses "eigentliche" Rot ihrer niemals der Antinomie von Eigentlichem und Uneigentlichem entkommenen (— ein weiterer Punkt, der nicht im Rahmen der Tradition der abendländischen Metaphysik, hier der "ursprünglichen Zweiheit der metaphysischen Konzeption des Bedeutens", vgl. Agamben 1, S. 221, gelöst werden kann —) und insofern ihrer vollkommen unzulänglichen Deutungs- bzw. Bestimmungshoheit unterwerfen wollen, ist ihre faschistische, mehr noch, typisch nationalsozialistische, eine regelrechte Phobie gegen das Offene — das Sein — hegende Strategie in dem einmal mehr doppelten Spiel sowohl mit der Bevölkerung als auch mit der heute noch immer im Wesentlichen politisch zu blöden — das heisst nicht zu wenig skrupellosen —, bis in die Knochen korrupten Kirche, das sie damit betreiben wollen, bekannt und unausweichlich besiegelt: Das Offene (Vgl.: Heidegger-Zitat, 2. Absatz oben links), von dem die Bild-Logik Neue Form tatsächlich auch spricht, wird zwar erkannt — aber nicht nur nicht anerkannt und in seiner ursprünglichen, originären Zweckfreiheit in Grund und Boden gerammt, sondern propagandistisch instrumentalisiert zu einem (nächsten) Betrug der Superlative am Bewusstsein der solchermaßen von ihnen Unterdrückten: Mit dem Offenen, zu einem wohlfeil "modernen" — oder vielleicht bloß "innovativem" — Hintergrundmotiv degradiert, ziehen die Raubratten, einmal mehr perverserweise, die Grenze einer gottverlassenen Nation. Sie spucken der europäischen Entwicklung, dem entwickelten europäischen Geist, der Evolution fort von einem Fritzl-Patriotismus mitten ins Gesicht: Ist das "deutsch" — nein, widerlich.
Die unterschiedlichen Strategien von 1848 und 2008 reagieren auf verschiedene Bewandtnisse, verfolgen jedoch dasselbe Ziel: Die Aufrechterhaltung der Alten, von der bürgerlichen Autokratie pseudomorphotisch annektierten und vorsichtig tastend zu ihrem alleinigen und ausschließlichen Vorteil mit der Moderne fusionierten, Elend ohne Ende produzierenden Ordnung.
Die totalitäre Kamarilla fälscht einmal mehr die Entdeckung der ursprünglichen Werklosigkeit des Menschen, die Rückgabe des Offenen an dessen Denken, in ein nationalistisches Privatprojekt: "Fußball ist Zukunft" ist die Ersatzansage des Deutschen Fußballbundes e. V., dessen Präsident zugleich der Aufsichtsratsvorsitzende der Tochtergesellschaften DFB-Wirtschaftsdienste GmbH und DFB-Medien GmbH & Co. KG ist, die beide — ganz wie der DFB e,V. selbst, wie Jung_von_Matt, Bitburger, GVK und SachsenFahnen — das größte mittel- und langfristige kommerzielle Interesse an dieser Annexion haben.
Diese Besetzung des Denkens ist der wahre Zweck der Kommunikationsherrschaft, und das war er schon immer — aber heute fällt ihr konsequent die Kunst zum Opfer, als neueste Ressource, die geplündert wird: Es geht um die Verwertungs- und Bestimmungsrechte, um repräsentatives Glänzen in falschen Federn zum Nulltarif bei gleichzeitiger Ausschaltung der Konkurrenz ... bzw. des von den Unionsparteien so geschätzten "Feindes". Es geht, wie immer am Vorabend zum Untergang, um Macht und Einfluss der besonderen, besonders breiten Art.